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September, 2006
September 4th, 2006

In Hué, der Stadt mit grandiosen Gartenanlagen und einem fast schon meditativen, esoterischen Charakter, hatten wir uns auf die letzte große Etappe unserer Reise vorbereitet: 14 Busstunden vor uns lag Hanoi, die Hauptstadt am roten Fluss.
Nach der etwas hektischen Ankunft im Backpacker Viertel zogen wir trotz Übermüdung sofort durch die Gassen der Altstadt. Wir ließen uns treiben von den Szenarien im alten Händlerviertel. Die Einwohner von Hanoi gelten als etwas konservativer und traditioneller und alles ist ein bisschen älter und exotischer als in Saigon. Eine besondere Atmosphäre herrscht am Abend, wenn alle nach draußen strömen und sich der Großteil des Lebens auf der Straße abspielt, die zugleich als Werkstätte für Steinmetze, Blechschmiede und als Ausstellungsplatz für Waren aller Art fungiert. Scheinbar hat jeder Straßenzug eine andere Spezialität. Nähmaschinen, Kitschartikel, Holzwerkzeuge, Zweiradwerkstätten und Kunsthandwerk. Dort kann man über Nacht eine verblüffende Kopie von einem berühmten, existierenden Gemälde seiner Wahl in allen erdenklichen Formaten nachmalen lassen.
Seit 1986 der Zentralismus durch eine softe Hinwendung zur Marktwirtschaft abgelöst wurde, ist das Land in eine fiebrige Handelstätigkeit verfallen. Es versprüht eine Energie, die ansteckt und süchtig macht. Der Hang Da Markt in der Altstadt war der bisher vielfältigste und bunteste Foodmarkt unserer Reise. Auf drei Straßenzügen wurde die ganze Welt des Essbaren, das es in diesem Teil der Welt zu bestaunen gibt, dargeboten. Wir hatten gleich
unseren Lieblings-Garküchenstand entdeckt, den wir fortan noch mehrmals besuchen sollten. Mrs. Ling bereitet auf ihrem winzigen Stand das traditionelle Bun Cha Gericht zu - würzige Schweinefleischfrikadellen in einer aromatischen Reisnudelsuppe mit viel frischen Kräutern. Eine der besten Mahlzeiten, die wir bis dahin gekostet hatten.
Am Abend hatte ich mir eine Lokalität ausgesucht, die in einem westlichen Zeitgeist Magazin als eins der 10 Dinge beschrieben wird, die man im Leben gesehen und erlebt haben muss. Natürlich war das übertrieben und überhöht, aber dennoch hatten wir einen großartigen Abend mit einem ziemlich schmackhaften Essen! Das Lokal hieß Cha Ca La Vong und hatte sicher schon bessere Zeiten erlebt. Etwas heruntergekommen ist es dennoch eine lokale Institution und wird seit Generationen von einer Familie betrieben. Es gibt nur ein Gericht auf der Karte, das Cha Ca - ein Fischgericht, das in einem fondueähnlichen Tontopf serviert wird. Darunter glüht frische Kohle und der mit Kurkuma marinierte Schmorfisch wird mit viel frischem Dill und Erdnüssen serviert. Interessant war auch die Klientel des Restaurants. Ein Kaleidoskop der ganzen Stadt: einheimische Familien, chinesische Geschäftsleute, wohlhabende Händler und jede Menge Touristen.
Wir ließen den Abend im Club “Apokalypse Now” ausklingen, ein angesagter Ableger aus Saigon. Der etwas groteske Name basiert auf dem gleichnamigen Film von Francis Ford Coppola, der die traumatischen Geschehnisse der Amerikaner in Vietnam beschreibt.
Wieder traf sich ein Schmelztiegel von verschiedenartig motivierten Nachteulen. Wo man in der westlichen Welt fünf bis sechs unterschiedliche Locationen braucht, trifft man sich hier nur in einer. Ein bunter Mix, wie man ihn sonst vielleicht nur noch in einem englischen Pup treffen würde.
Halong Bucht: zauberhaftes Naturschauspiel
Früh am Morgen brachen wir in Richtung Norden auf. Ziel war die faszinierende Halong Bucht vor der Küste Chinas. Über 4000 kleine Inseln und unzählige bizarre Kalksteinformationen ragen aus dem aquamarinblauen Wasser empor und verschmelzen im Sonnenlicht zu einer surrealen Szenerie. In diesem einzigartigen Naturspektakel sind die schönsten Szenen des Films “Indochine” mit Cathérine Deneuve (1993) entstanden. Wir blieben 3 Tage und 2 Nächte auf einer chinesischen Dschunke, die im gemächlichen Tempo durch die Bucht tuckerte. Die Ausflüge auf die Affeninsel und in die beiden schönsten Höhlen des Archipels gerieten - wie auch das Essen an Bord - etwas zu touristisch. Ruhmreiche Schlachten wurden hier gewonnen,
zahlreiche Mythen und Legenden ranken sich hier in der Bucht und noch immer gibt es unentdeckte Inseln und unerforschte Höhlen. Seenomaden, die ausschließlich vom Fischfang leben, haben kleine Wasserkolonien gegründet und gehen nur sehr selten an Land. Als Nahrung gibt es ausschließlich Fisch und Reis. Ein Medizinmann sammelt auf den umliegenden Inseln geheimnisvolle Wurzeln, die als Medikamente eingesetzt werden. Eine andere Welt, die uns magische Momente bescherte. Selten hat mich ein Naturschauspiel so beeindruckt wie die Halong Bucht in Vietnam.
Kulinarisch war dieser Ausflug allerdings eine Enttäuschung, die wir bei unserer Rückkehr nach Hanoi allerdings schnell amortisierten.
Mit ambivalenten Bauchgefühlen ausgestattet, fuhren wir am Abend mit dem Taxi in eine Art Township vor den Toren der Stadt. Der Bezirk Gia Lam war bekannt für seine Schlangenzüchter. In dem ganzen Dorf war keine Langnase anzutreffen. Wir fühlten uns zum ersten Mal auf unserer Reise unbehaglich. Die Anwohner schauten finster, hatten verstümmelte Gliedmaßen und riefen hinter uns her …
Schlangenblut und andere kulinarische Abenteuer
Wir irrten durch die schummrigen Gassen auf der Suche nach einem ganz bestimmten Restaurant, das in meinem Traveller-Handbuch als einigermaßen zuverlässig beschrieben wird. Keiner kannte es. Ein grimmiger Wirt, in Lumpen gekleidet und mit 4 Fingern an der Hand, zog uns in sein Wohnzimmer. Er zeigte uns den Nebenraum, wo in einem Verschlag mit Unrat und Gerümpel ein undichtes Holzgatter zu sehen war. Er kroch hinein und holte 2 lebendige Königskobras heraus. Ich erschrak und wollte gehen. Auf dem Weg nach draußen zeigte uns seine Frau die Küche und ein Regal mit Gläsern, gefüllt mit Schlangen, eingelegt in Ginseng und Reiswein. Wir hatten in dem Moment wohl beide für uns entschlossen das Experiment abzubrechen. Wir wollten nach Hause.
Doch wir hatten uns verlaufen und entdeckten dann per Zufall doch noch das Schlangenrestaurant Quoc Trieu. Es sah proper und gepflegt aus. Die Chefin erkannte sofort unsere Unsicherheit und wirkte mit sanfter Stimme und mit viel Informationsfluss entgegen. Ehe wir uns versahen, saßen wir am Tisch und ein blutjunger Kellner näherte sich uns, in der Hand einen strampelnden Jutesack. Er holte eine wütend zischende Kobra heraus und legte sie auf den Boden. Mit einem Hakenstock gestupst hob sie bedrohlich den Kopf und spreizte die Haube. Mulmig erregt schauten wir uns an. Vor uns lag wohl die ungewöhnlichste Mahlzeit unseres Lebens.
Nun kamen noch 2 andere Kobrabändiger zu Hilfe und streckten das
Tier zur vollen Länge. Nach einem gezielten Schnitt holte einer das schlagende Herz der Kobra heraus. Ein murmelgroßes Organ voller Blut wurde in einer weißen Tasse an den Tisch gebracht. Ein Strom von dunkelrotem Blut ergoss sich in 2 Gläser und in 2 weiteren wurde der grüne Gallensaft aufgefangen. Alles wurde mit Reiswein vermengt und dazu serviert. Wir zögerten lange. Uns wurde klargemacht, dass es eine Ehrerbietung dem Tier gegenüber ist, das Blut und die Galle zu trinken. Uns raste der Puls und wir taten es zuerst zögerlich und dann ganz schnell. Hinterher waren wir erstaunt über den milden Geschmack. Der Reiswein hatte die Galle fast neutralisiert und außer einem latenten Eisenaroma war auch das Schlangenblut nicht sonderlich exotisch. Wir fühlten uns wie die Pfadfinder, die gerade eine Mutprobe bestanden hatten.
Das Herz blieb unberührt, es schlug immer noch. Unglaublich nach so vielen Minuten. Ich hatte gelesen, dass sein Verzehr eine höchst stimulierende Wirkung auf das zentrale Nervensystem hatte. Wir waren wie gelähmt und nach weiteren Sekunden des Verharrens, hatte die Chefin ein Einsehen und nahm es mit in die Küche. Augenblicke später kam es gebraten wieder an den Tisch. Nun konnte das Mahl beginnen. Die Schlange landete in der Küche und kam in 8 kleinen Gängen, mit unterschiedlichsten Zubereitungsmöglichkeiten, zurück auf unsere Teller. Marinierter Salat mit Bambus, frittierte Hautkräcker gedämpft mit Kaffir Limette, Frühlingsrolle mit gehacktem Fleisch und Minze, Suppe … Alles sehr gut gewürzt und optisch aufwändig präsentiert. Der Fleischgeschmack erinnerte an eine Mischung aus Kaninchen und Tintenfisch und durch die nicht stattfindende Fleischreifung war es manchmal etwas zäh und hart. Aber zusammengefasst war es eine gute Mahlzeit.
Mit einem ordentlichen Adrenalinschub ausgestattet, fuhren wir mit einer latenten Hochstimmung wieder zurück in die Stadt, wo uns ein Besuch im bekannten Wasserpuppentheater einen weiteren
vergnüglichen Abend bescherte. Wehmütig und verzögert schlenderten wir anschließend zurück in unser Guesthouse.
Es war unser letzter Abend, die letzte Nacht in einem großartigen Land. Ich hatte mich ein bisschen verknallt in Vietnam und wusste, dass ich wiederkommen werde.
September 3rd, 2006

Von Pan Thiet führte uns die Reise nach Nah Trang, eine Küstenstadt mit den schönsten und längsten Stränden im Land. Die Fahrt führte vorbei an Garnelenfarmen, Salztonebenen, Drachenfrucht- und Zuckerrohrplantagen. Kaum hatten wir im Travellerbezirk Quartier bezogen, streunten wir durch die aufstrebende Strandstadt. Wir stolperten in eine Art morbide “Open Air Besenwirtschaft” für jugendliche Einheimische. Eine unfertige Baugrube mit improvisierter Freiluftküche und selbstgezapftem Bier aus riesigen, verrosteten Stahlkisten. Zum Essen gab es nur ein Gericht: Muc Nhoi Thit - ein Salat mit gekochtem Pulpo, Lotus und Koriander. Eine Großfamilie kümmerte sich liebevoll um die kulinarische Gesamtorganisation dieser Bia Hoi, wie diese Art von Gastronomie hier genannt wird. Nachdem wir fast die komplette Lebensgeschichte von dem Gastwirt erzählt bekommen hatten, zogen wir weiter.
Eine Garküche bescherte uns eine ableitende Variante der Cam-Suppe, dieses mal mit mariniertem Schweinefuß, Glasnudeln und Fischbällchen. Am Abend strandeten wir dann im legendären “Sailing Club”. Eine gehobene Location am Strand, die in jeder hippen Großstadt der Welt für Furore sorgen würde.
Moped-Tour am Folgetag: Vorbei an den markanten Cham-Türmen, der gleichnamigen Dynastie aus dem 7. Jahrhundert, bogen wir ab in den morgendlichen Fischmarkt von Nah Trang. Durch schlammige Pfützen, unbefestigten Lehm und enge Marktgassen bot sich ein fantastisches Szenario. Bärenkrebse, auf dem Rücken zusammen gebundene Laubfrösche, Glasaale,
Taschenkrebse, Hummer, Riesenkarpfen. Alles frisch, alles lebendig und weit und breit kein Kühlschrank. Dazwischen Fischpaletten, Entenembryos, stinkende Durians, Schneckeneier, Lieferfahrzeuge und überall essende Menschen. Alles kocht, brodelt, schmatzt oder schlürft. Überall wo es Platz für ein Feuer und einen Kochtopf gibt, bereitet jemand etwas zu. Wir probierten Ech Xao Mang, eine Pastete von Fröschen mit einer delikaten Würze aus Limonen-Basilikum und Soja. Dazu wird das Fleisch der Frösche mit verschiedenen Aromaten so lange im Mörser gestampft, bis das Eiweiß bindet und eine Art Farce entsteht.
Madame Ling war die Chefin einer Straßengarküche, die mich besonders beeindruckt hat. Sie hatte Platz für ca. 25 Gäste, war Köchin, Restaurantleitung und Putzfrau in Personalunion. Ausgestattet mit einem Organisationstalent, einer souveränen Freundlichkeit und einer beeindruckenden Grandezza hatte sie ihren Laden fest im Griff. Sie war hübsch, hatte Schmiss und konnte kochen. Es gab nur zwei Gerichte: Gekochte Meeresschnecken und Muscheln. Dazu gab es eine Marinade aus frisch geschrotetem schwarzen Pfeffer und Limonensaft. Eine delikate Würze, die auch zu vielen anderen Speisen korrespondiert.
Am Abend zog es uns in eines der unverfänglichen Fischrestaurants, die ihren Tagesfang vor dem Lokal darboten. Wir verschlangen 2 Dutzend rohe und gegrillte Austern, wunderbare Abalone und rohe Langostinos. Unsere Weinbestellung geriet allerdings zum Fiasko. Die georderte Flasche kam einmal mit Kork-Geschmack, anschließend mit der falschen Rebsorte, dann fast in einer ungenießbaren Blanchiertemperatur und dann gar nicht mehr. Worauf wir ein zeitlich begrenztes Liebesbekenntnis zum Bia Tuoi (frisches Bier) ablegten.
Die meisten Speisen aus Südostasien haben es mit einer wirklich harmonischen Weinbegleitung ohnehin recht schwer und bringen die Sommeliers eines gehobenen, ethnischen oder progressiven Restaurants regelmäßig ins Schwitzen. Vorausgesetzt es wird unverwässert und original gekocht. Das liegt nicht zuletzt an den medizinalen, scharfen Aromaten, die sich mit der Säure des Weins meist nicht gut verstehen.
War es die Meeresschnecke? War es der Frosch? War es das viele Fischeiweiß, die Hitze oder doch eine aufkommende Malaria …? Die Nacht hatte ich jedenfalls fast ausschließlich auf dem WC unseres Guesthouses verbracht. Eine neue Erfahrung, ist doch mein Magen normalerweise robust und belastbar wie der eines schwäbisch-hällischen Landschweins.
Nach der schnell einsetzenden Erholung buchten wir einen Flug nach Hoi An. Durch unsere taifunerzwungene Verspätung mussten wir leider auf den geplanten Besuch des schrulligen Kolonialstädchens Da Lat westlich von Nha Trang verzichten. Bei europäisch gemäßigtem Bergklima wird dort Kaffee, Kautschuk und der einzige Wein des Landes angebaut. Obendrein sind in der Umgebung die drittschönsten Aufnahmen des Films “Indochine” mit Cathérine Deneuve (1993) entstanden.
Hoi An: Kulinarische Hochburg und Weltkulturerbe
Hoi An ist ein Weltkulturerbe der UNESCO und ist mit seinem magischen, chinesischen Charme ein echtes Schmuckstück. Leider hat der Taifun deutliche Spuren hinterlassen, die einen echten Vietnamesen aber nicht sonderlich beeindrucken. Es wird sich mit der neuen Situation abgefunden und gehandelt. Eine Lebenseinstellung, die dem gesamten Land Stärke verleiht und bis heute noch jeden Aggressor vertrieben hat. Kulinarisch gesehen ist die Mitte des Landes auch eine Schnittstelle aus westlichen Einflüssen im Süden des Landes zum chinesisch geprägten Norden.
Hoi An und auch Hué versuchen sich dabei mit einer eigenen Stadtküche zu emanzipieren und zu unterscheiden. Beide Städte vermarkten sich als DIE kulinarische Hochburg im gesamten Land. Dabei gibt es tatsächlich in jeder Stadt ca. 4-5 Gerichte, die wir sonst nirgends mehr zu Gesicht und in den Mund bekommen haben. Es sind Traditionsgerichte, die gepflegt und kultiviert werden. Wir testeten die berühmte Banh Bao - “die weiße Rose” -, eine gedämpfte Teigtasche aus Maniokmehl mit einer Krebsfüllung, frei schwimmend in einer Würzbrühe aus Zitronengras und kross gebratenen Zwiebeln. Oder der ausgezeichneten Hoanh Thanh Chien - gebratenen Wanton auf einem Chiligemüse mit Tofu. Auch gab es abermals lukullische Beweise für eine französische Präsenz im Land. An kleinen Ständen wurde französisches Baguette mit Sojawurst, Ingwer, getrockneten Garnelen und geröstetem Knoblauch angeboten. Eine Verneigung vor den zunehmenden Besuchern der Stadt, denen die Garküchen an den Straßen suspekt sind.
Es war purer Zufall, dass wir Hoi An am Vortag eines traditionellen Vollmondfestes besuchten. Die gesamte Stadt wurde am Abend verkehrsfrei und glänzte wenig später im Schein von Tausenden Seidenlampignons. Eine andere Beleuchtung gab es nicht, wenn
man vom Vollmond absieht. Es wurden Tänze und karnevaleske Umzugsparaden mit Drachenkostümen aufgeführt. Die ganze Stadt war ein berauschendes Spektakel. Als ehemaliges Handelszentrum von Vietnam war die Ausübung eines Handwerks die wichtigste Einnahmequelle der Stadt. Jeder kann etwas: Malen, schnitzen, schreinern, schneidern oder kochen. Hoffentlich kommt man nicht zu schnell dahinter, dass mit den Touristen schneller Geld verdient ist, als mit der ursprünglichen Arbeit.
Unsere Tour führte uns nach Hué, der alten Kaiserstadt, mit den großartigen Palästen. Die zweitschönsten Szenen im Film “Indochine” mit Cathérine Deneuve (1993) wurden in dieser Gegend gedreht. Hué ist die kulturelle Hauptstadt des Landes und blieb von der rasanten Entwicklung in Vietnam weitgehend unberührt.
Mr. Leng und sein Kompagnon führten uns zwei Tage auf ihren Hondas stolz durch ihre Stadt. Jeder, der ein Moped besitzt, gilt als potenzielles Taxi und Reiseführer zugleich. Kaiserstadt, Zitadelle, Parfümfluss, Thai Hoa Palast - beeindruckende Sehenswürdigkeiten mit großen, meist tragischen, Geschichten und chinesisch-europäischem Flair. Die Stadt gilt als Trennlinie von Süd und Nordvietnam und war somit ein Epizentrum vieler Kriegsgeschehnisse. Auch hat sie berühmte Söhne hervorgebracht, wie Ho-Chi-Minh oder den Mönch Thich Quang Duc, der 1963 aus Protest gegen die Repression in seinem blauen Austin nach Saigon fuhr und sich im Lotussitz von seinen Anhängern verbrennen ließ. Bilder, die damals die Welt schockierten.
Die Küche von Hué wurde geprägt vom Kaiserhof und brachte eigene Spezialitäten hervor wie z.B. Banh Khoa - einen knusprig gelben Pfannkuchen aus Ei und Reismehl, der mit Garnele, Schweinefleisch und Sojabohnensprossen gebraten und mit einer Erdnusssauce serviert wird. Oder auch eine weitere Pho Variante, die Bun Bo, mit gesottenem Rindfleisch und Zitronengras. Zum Essen gab es das einheimische Hué Bier. Genauso wie man in Saigon das Saigon Bier und in Hanoi das Hanoi Bier trinkt. Lokalpatriotismus wird groß geschrieben. Man zeigt woher man kommt und ist stolz darauf. Die Stimmung in Hué ist im Gegensatz zu Saigon geradezu lässig und beschwingt. Die Kaisergräber mit ihren epischen Ausbreitungen und grandiosen Gartenanlagen haben fast schon einen meditativen, esoterischen Charakter. Man wird ruhig in dieser Stadt. Für uns war das genau das richtige, bereiteten wir uns doch auf die letzte Etappe unserer Reise vor, die uns nach Hanoi führte, die pulsierende Hauptstadt am roten Fluss.
September 2nd, 2006

Nach 5 Stunden halsbrecherischer, apokalyptischer Busfahrt sind wir endlich am Ziel: Saigon - die Stadt in der alle Fragen der Welt eine Antwort finden. So steht es zumindest in dem berühmten Roman von Graham Green “Der stille Amerikaner” - eine herzzerreißende Hommage an Vietnam und vor allem an Saigon. Ein einzigartiger Schmelztiegel, der berauscht. Ein buntes bizarres Durcheinander mit rasantem Tempo. Eine kulinarische Wunderwelt mit allen Möglichkeiten.
Die originale vietnamesische Küche scheint mir allerdings ein bisschen weichgespült zu sein. Vielleicht zu viele Kompromisse an die vielen Ausländer und Touristen in der Stadt. Am besten sind immer die Garküchen auf der Straße. Immer sympathisch improvisiert, auf technisch kreativen Kochmöglichkeiten und immer mit zu kleinen Plastikstühlen ausgestattet, isst man die besten Gerichte der Stadt.
Wir versuchten Cha Gio, die frittierte Version der Reisblattfrühlingsrolle und machten endlich Bekanntschaft mit der kraftstrotzenden Pho - einer Suppe aus Reisnudeln, Gemüse, Sojasprossen, Minze, Koriander und Schweinefleischbällchen. Natürlich flankiert von Nuoc Mam, Chilischoten und halbierten Limetten. Die Suppe wurde zu einem ständigen Begleiter unserer Reise und zu einem wichtigen Indikator der Essensqualität: Ist die Pho gut, schmeckt alles wunderbar! Manche stolze Standbesitzerin (und das sind sie alle) macht sogar den Reisteig auf der Strasse und schabt auf einem wellholzartigen Werkzeug Nudel für Nudel in kochendes Salzwasser. Es gibt nichts Besseres, als den Tag mit solch einem Festmahl zu beginnen.
Der Besuch des Foodmarktes der Stadt geriet zu einem Rausch. Uns packte der unbändige Drang, alles in Sichtweite zu probieren. Wie
hungrige Flipperbälle sprangen wir von einem Stand zum nächsten. Der Geruch war schwer, fast narkotisch. Durian, Lotusblüten, Thaibasilikum, Auberginen, Galgant, Ingwer, lebende Taschenkrebse, Glasaale, Schweineköpfe, Hundefleisch. Letzteres gilt als Delikatesse, wobei Hunde mit einem roten Fell als die leckersten gelten. Im Winter verzehrt soll es zusätzlich Wärme zuführen, außerdem soll es Glück bringen, wenn man es am Ende des Mondmonats verspeist.
Ein Taifun, von den Philippinen kommend, der uns einen längeren Aufenthalt in Saigon aufdrängte, durchkreuzte unseren Reiseplan. Wir probierten gehobenes Vietnam Food im edlen Mandarin Hotel, wo wir unter anderem die berühmte Schwalbennestersuppe aßen (eine ganz bestimmte Schwalbenart sendet beim Nestbau ein Sekret aus, das beim Auskochen des Nestes eine schleimartige Bindung erzeugt und eigentlich recht belanglos schmeckt). Wir waren Gäste im Ngen Restaurant, eine Art Markthalle mit verschiedenen Garküchen im gehobenem Ambiente und schlugen uns die Nächte in der trendigen Q-Bar mit flambiertem Absinth und Jamerson Whisky um die Ohren. Das kulinarische Endergebnis: Auf der Straße schmeckt’s am besten!
Auf den Straßen Vietnams
Zur Hauptattraktion der Stadt gehörte für mich der Straßenverkehr. Es steckt keine erkennbare Struktur hinter dem Wahnsinn, der in Vietnam als Straßenverkehrsordnung durchgeht. Millionen von Hondas und Mopeds krachen voller Anarchie durch die Stadt. Blinken wird ersetzt durch Hupen. Das stärkere Gefährt hat immer Vorfahrt und Helme scheint es keine zu geben. Ein Wunder, dass eine belebte Kreuzung in der Stadt nicht mehr Unfälle zu beklagen hat. Man muss furchtlos, pragmatisch und unemotional sein, um unversehrt am Straßenverkehr teilzunehmen. Als Sozius lernt man allerdings schnell sich darauf einzulassen und wird fatalistisch. Mr. Long und Mr. Ho haben uns auf ihren Hondas 2 Tage sicher durch die Stadt gebracht, von einer Sehenswürdigkeit zum nächsten Essensstand. Die Fahrt allein war oft das größte Abenteuer.
Das Moped gilt auch als Transportmittel Nr.1 in Vietnam. Bizarre und
kreative Aufbauten ermöglichten den Transport von 6 lebenden Schweinen, 18 Kisten Bier, einem halben Einfamilienhaus oder fünfköpfigen Familien mit Bündeln von flatternden, an den Füßen zusammengebundenen Hühnern auf jeweils einem Gefährt ohne Anhänger!
Bei einem sehr eindrücklichen Tagesausflug nach Cu Chi bestaunten wir das legendäre Tunnelsystem der Stadt. Aus Schutz vor den Amerikanern buddelten die Einwohner ein fast 250 km langes verzweigtes, mehrstöckiges Tunnelsystem. Bei der Besichtigung sollte man sich auf klaustrophobische Attacken einstellen. Die Menschen lebten teilweise wochenlang unter der Erde. Das Abluftsystem der Küche wurde raffiniert, verzweigt angelegt, um eine genaue Ortung zu vermeiden. Auch wurde um die Öffnungen frischer Pfeffer aus Phu Quoc verstreut, um die Schäferhunde beim Aufspüren zu irritieren.
Das bedrohte Ferienparadies
Die anschließende Busfahrt nach Pan Thiet - ohne Stoßdämpfer und auf aufgerissener Landstraße - wurde ein Ereignis, das die Wirbelsäule so schnell nicht vergessen wird. Ein Ferienort für
Vietnamesen südlich von Saigon. Fischerfamilien, toller Strand, viel Monsunregen und ein sozialistischer Charme prägten das Gesamtbild. An der Architektur wurden wir wieder darin erinnert, dass wir uns ja in einem kommunistischen Land aufhielten. Hier wird der Massentourismus bald einkehren. Die Infrastruktur wird gerade gelegt und das Essen hat schon jetzt verwässerten Globalgeschmack.
In einem Seafood Restaurant präsentierten sie den “catch of the day”: Tiger Prawns mit einem Lebendgewicht von ca. 400 Gramm und Riesen-Langusten, die bei uns fast nicht mehr im Handel sind. Spektakulär für maritime Fischfans! Ein smarter Jungkellner versuchte 2 Stunden lang, bei uns seinen englischen Wortschatz aufzubessern - wohl wissend, dass dies seine berufliche Zukunft sichert. Eine stimmungsvolle Fahrt mit geliehenen Zweirädern brachte uns ins abgelegene Dorf, wo uns der authentische Familienalltag zu wunderbaren Momentaufnahmen führte. Es waren vor allem die Kinder, mit ihrer unbekümmerten Fröhlichkeit, die sich tief in die Herzen eingruben. Ein pragmatisches, stolzes Volk mit viel Lebenskraft und Zuversicht. Der Taifun tobte in der Zwischenzeit in Hue, der alten Kaiserstadt am südchinesischen Meer. Wir waren ihm auf den Fersen, mit dem anvisierten Zwischenziel Nah Trang.
September 1st, 2006

Ankunft in Vietnam
Die heimliche Hauptstadt Vietnams, Saigon, heißt seit 1975 Ho-Chi-Minh Stadt - benannt nach einem Koch! Dieser war 1920 ein recht berühmter Saucier und Konditormeister im Londoner Carlton-Hotel unter der Kochlegende Auguste Escoffier. Bis er seine politischen Ambitionen erkannte, war er noch Küchenchef auf zahlreichen mondänen Transatlantik-Dampfern und Luxushotels der damaligen Bohème. Danach gründete er die kommunistische Partei Vietnams, kämpfte gegen die Franzosen, gegen die Japaner und gegen die Amerikaner, um anschließend als Gründer der Wiedervereinigung des Landes in die Geschichtsbücher einzugehen. Einmal mehr ein schillerndes Beispiel für die Unsinnigkeit der Floskel: “Wer nix wird, wird Wirt”.
Inseltour auf Phu Quoc
Nach unserer Landung in Ho-Chi-Minh, wo uns die hoch temperierte Luftfeuchtigkeit erst einmal eine Klimaklatsche verpasste, haben wir uns für einen Einstieg “light” entschieden: Flug nach Phu Quoc, eine kleine, fast noch unberührte Insel vor der kambodschanischen Südküste. Kaum angekommen, packte uns der Pioniergeist. Auf zwei ächzenden, klapprigen Nähmaschinen, die auf den Namen Honda hörten, erkundeten wir die Insel. Ich war von der Ursprünglichkeit der Insel überwältigt. Die Bewohner leben noch fast ausschließlich vom Fischfang, vom Kunsthandwerk oder von der Herstellung der berühmten Fischsauce Nuoc Mam, deren intensiver Geruch einen immer im ganzen Land begleitet. Sie gilt als Universalwürze und kommt praktisch in allen Gerichten zum Einsatz. Die Herstellung basiert auf der Fermentierung von Fisch, der sechs bis zwölf Monate in Salzfässer gelagert wird. Der Geruch, der dabei entsteht, ist für europäische Großnasen oft schwer zu ertragen.
Auf unserer Tour durch das Herz der Insel auf meist unbefestigten Lehmstraßen, vorbei an Pfefferplantagen und herrlichen Sandstränden, hielten wir einfach in den Dörfern und setzten uns an die einheimischen Markstände. Es dauerte nicht lange und wir waren die Attraktion des Tages. Ganze Familien wurden herbeigeholt und strahlten dabei um die Wette. Mit einer Mischung aus Verlegenheit und Stolz boten sie uns ihre Speisen an und mit einem ungläubigen Staunen beäugten sie uns dabei, wie wir uns, anscheinend völlig
unvoreingenommen, durch das südliche Vietnam mampften. Natürlich bemühten wir uns, die eine oder andere Verunsicherung für uns zu behalten und machten dabei mit unserer Körperstatur auf den kleinen Kinderplastikstühlen wohl einen ziemlich albernen Eindruck.
Mit einem Durchschnittseinkommen von ca. 20 Dollar im Monat zählt die Insel zu den ärmsten Provinzen des Landes. Umso erstaunlicher ist der Fokus des Frischefaktors der angebotenen Produkte. Fisch wird fast immer lebendig verkauft und jede Longan Frucht wird mühsam vor dem Erwerb aussortiert. Die zubereiteten Speisen sind nicht so aromatisch wie in Thailand und haben auch nicht die Gewürzvielfalt aus Indien. Die Aromaten werden vielmehr immer gesondert dazu gereicht: Koriander, Chili, Minze, Frühlingslauch und natürlich Nouc Mam.
Besonders in Erinnerung geblieben ist die Che Chuoi Chung - eine süße Suppe aus Kokosmilch mit Sago gebunden und mit Schmorbananen und gerösteten Erdnüssen serviert. Oder auch die Xhao eine sämige Reisschleimsuppe mit Hühnchen, Chili und Dill. Auch machten wir erste Bekanntschaft mit dem berühmten Kaffee aus Buon de Thuot. Der Kaffee wird traditionell am Tisch zubereitet, in dem ein kleiner Tropffilter aus Aluminium über dem Gefäß blanchiert. Als Milch wird Kondensmilch verwendet und nicht selten wird er mit gestoßenem Eis serviert (Achtung: macht süchtig!!). Die unbekümmerte Gastfreundschaft von den Inselbewohnern auf Phu Quoc sollte ein Höhepunkt unserer Reise werden.
Reise durch das Mekong-Delta
Bei unserer anschließenden Reise durchs Mekong Delta machten wir Rast in Can Tho, der größten Stadt in der Region, mitten im Gewirr von fruchtbaren Reisfeldern, verzweigten Wasserwegen und schwimmenden Märkten. Wir wagten einen kulinarisch-klassischen Gegenentwurf und besuchten am Abend das legendäre Victoria Hotel. Dinieren im stilvollen ethnischen Ambiente in einem kolonialen Prachtbau am Flussufer. Die französischen Besatzer brachten während ihrer Präsenz im Land außer der Back- und Kaffeekultur auch Architektur und die gehobene Gastronomie mit nach Indochina. Diese Neuen Einflüsse kombiniert mit der einheimischen Küche und der stark ausgeprägten Liebe zur Dienstleistung der Ostasiaten bereichern sich gegenseitig zu einem Gesamtkunstwerk.
Wir schlemmten Banh Cuon - im Reisblatt gedämpfte Frühlingsrollen mit getrockneten Shrimps und Schweinefleisch, einen großartigen Goi Vit Bap Chui - einen Salat mit frittierten Bananenblüten, Lotusstielen und Hühnchen und einen Weisbarsch im Salatblatt auf Gewürzreis. 2 Champagner, 4 Saigon Bier, 2 Scotch und 2 Monte Christo Nr. 4 später, beendeten wir unseren Ausflug in die dekadente Upper Class und torkelten beseelt und schlaftrunken zurück in unser Budget Guesthouse am Nachtmarkt.
Wenig später schwankten wir in einem kleinen Fischerboot zu den berühmten schwimmenden Märkten von Phung Hiep. Während der gesamten 4-stündigen Tour prasselte der Monsum unaufhörlich auf uns nieder. Mit den zunehmenden Wassermassen sank unsere Stimmung. Der Handel von Lebensmitteln von Boot zu Boot, der die Bevölkerung in dem Teil des Mekong Deltas versorgt, fand nicht statt und wir beiden Langnasen, durchnässt und in zerrissene Plastiksäcke gehüllt, wurden von den wasserfesten, kernigen Marktfrauen angekichert und auch ein bisschen bedauert.
September 1st, 2006

Einchecken mit einem voll gepackten Rucksack, einer kulinarischen Landkarte, einer Medikamentensammlung, die genauso viel wog wie mein Handgepäck, 3 Reiseführern und einem guten Freund, der ebenso wie ich dem Bambusvirus verfallen ist. So nannten die französischen Militärführer das Phänomen von der Fernwehdroge Südostasien. Vor allem war er auch verrückt genug, Dinge zu verspeisen, die so ganz und gar nicht mit der westlichen abendländischen Ess-Kultur zu vereinbaren sind. Dinge die er so noch nie zuvor gegessen oder getrunken hat und es so wahrscheinlich auch nie wieder tun wird.
Ich wollte das Land kennen lernen. Ich wollte das Land schmecken und ich wollte Authentizität. Und das so intensiv es eben möglich ist, mit meiner doch recht knappen Reisezeit von 20 Tagen. Ich habe im Laufe meiner vielen anderen Reisen erkannt, dass der kulinarische Zustand viel vom Seelenleben einer Nation verrät. Wird gut gekocht, schwingt immer eine Art von Leichtigkeit durchs Land. Eine Prise Hedonismus streicht durch die Gassen und ein Hang zum Schöngeistigen, zum Kulturellen ist zu vernehmen - und das meistens gepaart mit einer liberalen Lebenseinstellung. Vielleicht ist die Gleichung zu einfach und zu naiv, ich habe jedoch für mich entdeckt: Ist die Küche gut, fühl’ ich mich wohl!
Vietnam ist ein Land im Aufbruch. Ich bin mir sicher, dass ich es in 5 Jahren nicht mehr wieder erkennen werde. Der Massentourismus und die Globalisierung werden diese Perle sicher bald erobern. Nicht zuletzt wird sich dabei auch die Küche verändern. In den Städten ist das heute schon zu schmecken. Dennoch sei an der Stelle schon verraten, dass wir trotz, oder gerade wegen der jahrelangen amerikanischen und europäischen Präsenz in dem Land, auf nicht einen einzigen westlichen Fast Food Stand gestoßen sind. (bis auf einen hübsch dekorierten Döner Stand in Hanoi). Das ist umso erstaunlicher wenn man weiß, dass Saigon mit seinen 6 Millionen Einwohnern inzwischen eine mittlere, globale Wirtschaftsdrehscheibe in Südostasien darstellt, in der die Macht des Dollars unantastbar geworden ist.